Ein Schritt in Richtung „Health for All“

mTomady

Im Afrika südlich der Sahara sind weniger als 15 Prozent der Bevölkerung krankenversichert. Millionen von Menschen sterben, weil sie sich keine Behandlung leisten können. Das Sozialunternehmen mTOMADY will das ändern. Sein neues Projekt soll gemeinsam mit der Bayer Foundation das Leben von 25.000 Familien von Kleinbauern in Madagaskar verbessern.

 

 

Die Organisation

 

„Tomady“ ist Madagassisch und bedeutet „stark und gesund“. Das „m“ davor steht für mobil. In Zusammenarbeit mit Krankenversicherungen, Banken, Ministerien, Geldgebern und Wissenschaftlern hat es sich mTOMADY zum Ziel gesetzt, mobile Netzwerke zu aktivieren, um den Zugang zu Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten zu verbessern. „Wir haben mTOMADY 2019 gestartet. Seitdem sind wir zur größten digitalen Plattform für Zahlungen im Gesundheitswesen in ganz Madagaskar geworden“, sagt Dr. Julius Emmrich, Mitbegründer von mTOMADY, und fügt stolz hinzu: „Nach nur zwei Jahren sind wir in der Lage, das Projekt auszuweiten. Allein im März konnten wir die Anzahl der Gesundheitsversorger, die unseren Dienst nutzen, verdoppeln.“

 

Deswegen hat die Bayer Foundation im Januar 2021 einen Vertrag mit mTOMADY unterzeichnet, um für die Familien von Kleinbauern in der ärmsten Region Südmadagaskars eine Gesundheitsplattform aufzubauen. In diesen Gegenden arbeiten 97 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft, weniger als 10 Prozent befinden sich in langfristigen Beschäftigungsverhältnissen, Krankenversicherung ist inexistent und sogar die grundlegendsten Gesundheitsdienstleistungen sind für die meisten unerschwinglich. Im Februar bestand der erste Schritt des Projekts darin, 25.000 Kleinbauern und ihre Familien dazu einzuladen, an mTOMADY teilzunehmen und sich so grundlegende Gesundheitsversorgung durch Spendengelder zu sichern. In einem zweiten Schritt ermutigen Bedienstete in der lokalen Gesundheitsversorgung die Kleinbauern, einen kleinen Betrag in die eigene Krankenversicherung zu investieren, um die Grundlage für einen langfristigen, nachhaltigen Zugang zu wesentlichen medizinischen Dienstleistungen zu legen. „Wir wollen schnell vorankommen“, betont Elsa Rajemison, CEO und Mitbegründerin von mTOMADY. „Aufgrund der Corona-Pandemie ist diese entlegene Region noch ärmer geworden und die Menschen können sich die grundlegendste Gesundheitsversorgung wie Malariabehandlungen oder Schwangerschaftsvorsorge noch weniger leisten.“

 

 

 

Kein Bargeld, keine Bürokratie

 

Kern des Projekts ist eine mobile Zahlungsplattform mit vielen Nutzern, über die man a) Geld für zukünftige Behandlungen ansparen, b) personalisierte Spendengutscheine abrufen und/oder c) flexible Einzahlungen in die eigene Krankenversicherung tätigen kann. Teilnehmende Krankenhäuser können sicher sein, dass sie für die Behandlung ihrer Patienten über die mTOMADY-Plattform verlässliche und schnelle, mobile Zahlungen erhalten, und wissen, dass ihre Rechnungen ohne großen Verwaltungsaufwand oder bürokratische Hürden bezahlt werden. „Das Alleinstellungsmerkmal der Plattform ist ihre Einfachheit“, sagt Dr. Samuel Knauss, Mitbegründer von mTOMADY und Leiter des Softwareentwicklungsteams. „Selbst Nutzer alter Nokia-Handys ohne Internetzugang können die Plattform nutzen. Alles, was man braucht, ist eine SIM-Karte. Dadurch haben wir das System von Anfang an so aufgebaut, dass es sehr viele Menschen erreichen kann.“

 

Gemeinsam mit der Bayer Foundation plant mTOMADY jetzt, die Plattform auf ressourcenarme Dörfer in Uganda und Ghana auszuweiten. Dr. Monika Lessl, Geschäftsführerin der Bayer Foundation, freut sich darauf, diese Bemühungen zu unterstützen: „mTOMADY ist für uns ein perfekter Partner“, betont sie. „Wir haben dieselbe Vision, Gesundheit für alle zugänglich zu machen, und konzentrieren uns beide stark darauf, die Lebensbedingungen in ländlichen Gebieten durch inklusive Geschäftsmodelle zu verbessern. Gemeinsam tragen wir zu Ziel 3 für nachhaltige Entwicklung der UNO bei: ‚Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern‘.“

 

 

 

 

Alt tag

Patientin

„Ich zahle bei einem nahegelegenen Einzelhändler Geld auf mein mTOMADY-Konto ein und meine Familie schickt ebenfalls Geld an mein Konto. Es ist schnell und einfach, und – was am wichtigsten ist – ich weiß, dass mein Geld sicher verwahrt wird und verfügbar ist, wenn ich es brauche, um eine Behandlung zu bezahlen.“

 

"Kein Geld, keine Behandlung" - Interview

 

Im Afrika südlich der Sahara kann eine Krankheit einen vor eine verheerende Wahl stellen: zuzusehen, wie ein geliebter Mensch stirbt, oder finanzielle Belastungen auf sich nehmen, die die gesamte Familie in den Hunger und die Armut treiben. In diesem Interview erläutert Dr. Julius Emmrich, Mitbegründer von mTOMADY, einem Partner der Bayer Foundation, wie das Sozialunternehmen das ändern will.

 

Herr Dr. Emmrich, als Sie und Ihre Kollegen Samuel Knauss und Elsa Rajemison beschlossen, mTOMADY zu gründen, was war da der Auslöser?


Jeder von uns hatte seinen eigenen Moment, der dazu beigetragen hat. Bei mir war es ein Ereignis in Kamerun, wo ich Teile meiner medizinischen Ausbildung absolviert habe. Eines Tages wurde ein junger Mann zu uns in die Klinik gebracht. Er war von einem Lastwagen überfahren worden und blutete stark. Das chirurgische Team machte sich sofort bereit und wartete im Operationssaal auf den Patienten, aber er tauchte nicht auf. Als wir schließlich draußen nachschauten, war er verschwunden. Er konnte die Operation nicht bezahlen – entweder, weil nicht genügend Geld da war oder aus dem einfachen Grund, dass ihm der sofortige Zugang zu Bargeld fehlte. Später fanden wir ihn tot außerhalb des Klinikgeländes.

 

 

Was für eine schreckliche Tragödie! Was haben Sie daraus gelernt?


Von solchen Erfahrungen lernen wir, dass die Zahlung aus eigener Tasche für den Zugang zu Gesundheitsversorgung im subsaharischen Afrika eine große Hürde darstellt. Die Formel lautet ganz einfach: kein Geld, keine Behandlung. Bedenken Sie, dass die Menschen in den ärmsten Regionen der Welt keine Bankkonten und auch keinen Zugang zu Krankenversicherern haben und keine Kredite aufnehmen können. Deswegen bildet unsere mobile Zahlungsplattform den Kern von mTOMADY. Die Plattform zeigt, dass der Patient Zugang zu finanziellen Mitteln hat, entweder zu eigenen, oder zu Spendengeldern oder über eine Krankenversicherung. Die Klinik erhält so sofort eine Bestätigung, dass die Behandlungskosten auch beglichen werden.

 

 

Wie wirkt sich der virtuelle Zahlungsverkehr auf die finanzielle Lage der Krankenhäuser aus?


Wenn Kliniken auf digitale Zahlungen umstellen, erhöhen sich die Einnahmen um ein Drittel: weil mehr Patienten versichert sind und sich Behandlungen leisten können, weil die Kosten digital transparenter sind und keine Gelder in Schwarzgeschäften verschwinden und weil die Kliniken keine Zeit damit verschwenden müssen, über Preise oder Vergütungen mit Naturalien zu diskutieren. Denn was soll eine Klinik schon mit einem Huhn oder einer Kuh anfangen?

 

 

Die Bayer Foundation hat kürzlich 250.000 Euro zur Verfügung gestellt, um Ihr Modell auf die ärmste Region Madagaskars auszuweiten. Wie gehen Sie bei diesem Projekt vor?


Schnell. Wir haben am 19. Januar einen Vertrag unterzeichnet und sofort damit begonnen, die Gesundheitsbediensteten in den Gemeinen zu schulen. Sie erklären jetzt in ihren Gemeinen, in denen sie bekannt sind und respektiert werden, wie man sich bei mTOMADY registrieren kann, um für die eigene Gesundheitsversorgung zu sparen oder sich für eine spezielle Behandlung um einen Spendengutschein der Bayer Foundation zu bemühen. Die Bayer Foundation beteiligt sich auch an den Beiträgen zu einer Krankenversicherung, damit die Menschen einen Anreiz bekommen, sich zu registrieren. Die ersten Kliniken sind schon dabei, es läuft also alles nach Plan.

 

 

Sie betreiben bereits mehrere Pilotprojekte in anderen Regionen Madagaskars. Wann wussten Sie, dass mTOMADY erfolgreich sein würde?


Einige der Frauen, die an der mTOMADY-Plattform teilnehmen, waren zu arm, um sich Handys leisten zu können, sie kauften sich daher nur SIM-Karten und stecken sie in das Telefon eines anderen, um in der Klinik zu bestätigen, dass sie zahlungsfähig sind. Als diese Frauen begannen, Halsketten und Armbänder zu basteln, damit sie ihre wertvollen SIM-Karten als Anhänger immer dabeihaben konnten, wusste ich, dass wir es geschafft hatten. Die SIM-Karte ist für sie der Schlüssel zu einem großen Schatz: der Gesundheitsversorgung.

 

 

Interview: Gabriele Schmitt-Bylandt

Bildnachweis: mTOMADY

 

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