Interview mit Ruth Ley, Otto Bayer Award Gewinnerin 2020

portrait of Ruth Ley

In den 2000ern war Ruth Ley Pionierin im Bereich der Mikrobiom (*) -Forschung. Heute ist sie eine der weltweit führenden Wissenschaftler*innen auf diesem Gebiet und wurde von der Bayer AG mit dem Otto-Bayer-Preis 2020 für ihre bahnbrechende Forschung ausgezeichnet.  Im Interview teilt sie ihre Begeisterung für Mikroben, die unsere Fitness, unsere Gesundheit und unser Glücklichsein bestimmen.

 

 

Frau Dr. Ley, was macht Mikroben für die Forschung so interessant?

Es ist die „win-win“-Symbiose zwischen ihnen und uns Menschen. Früher ist man davon ausgegangen, dass sich im menschlichen Körper alles nur um Organe und Zellen dreht. Dann hat man herausgefunden, dass unsere Haut und unser Darm ein regelrechtes Ökosystem für Billionen von Mikroorganismen darstellen. Und wir entdeckten noch etwas Interessantes: Wir werden nicht mit diesen Bakterien geboren. Sie besiedeln uns erst ab unserer Geburt und wenn wir ausgewachsen sind, ist unser persönliches Mikrobiom so einzigartig wie unser Fingerabdruck. Im Laufe der letzten 15 Jahre haben wir mit ständig zunehmender Begeisterung erforscht, was diese Bakterien für unsere körperliche und geistige Gesundheit tun können.

 

 

 

Was steht im Mittelpunkt Ihrer aktuellen Mikrobiom-Forschung?

Wir wollen wissen, WIE die Bakterien arbeiten: wie sie sich auf unsere Körperfunktionen und -prozesse auswirken, wie sie unser Gewicht, unsere Gesundheit und unser Gehirn beeinflussen, wie sie unsere Immunantwort auslösen und wie sie sich an neue Umgebungen anpassen und sich in ihnen entwickeln. Wir wollen verstehen, was dem Mikrobiom fehlt, wenn Autoimmunerkrankungen auftreten. Wir hoffen herauszufinden, wie diese Mikroorganismen bei der Behandlung verschiedener Krankheiten helfen können, auch bei Krebs.

 

 

 

Wurde aus Ihrer Forschung auch deutlich, wie wir unser Mikrobiom schützen können?

Ja, in der Tat, aber Schutz allein ist nicht genug – wir müssen es wiederherstellen! In den letzten Jahrzehnten wurde   das Mikrobiom, insbesondere der Menschen, die in der westlichen Welt leben, stark geschädigt und seine Vielfalt verringert. Vor allem Arzneimittel wie Antibiotikasind sind dafür verantwortlich. Wussten Sie, dass Erwachsene in den USA im Laufe ihres Lebens durchschnittlich 40 Mal mit Antibiotika behandelt werden? Und mit jeder Dosis zerstören sie einen Großteil ihres Mikrobioms. Außerdem spielt Hygiene eine Rolle. Sie ist in vielerlei Hinsicht natürlich ein Segen, doch Hygiene reduziert nicht nur die Übertragung von schädlichen, sondern auch von nützlichen Bakterien, weshalb unser Mikrobiom an Vielfalt verloren hat. Und dann wären da noch unsere Essgewohnheiten...

 

 

 

Wie wirkt sich Nahrung auf unser Mikrobiom aus?

Vollkornprodukte stellen beispielsweise eine stabile Ballaststoffquelle dar, die unsere Darmbakterien gut ernährt und glücklich macht. In der westlichen Welt neigen wir jedoch eher dazu „vorverdaute“, raffinierte Produkte zu konsumieren. Die Ballaststoffe werden aufgespaltet, bevor unser Körper sie zu sich nehmen kann. Folglich verhungern unsere Mikroben und können uns nicht mehr dabei helfen, gesund und fit zu bleiben. Ein Schwerpunkt meiner Forschung liegt darauf herauszufinden, wie wir eine ausgeglichene Darmflora beibehalten und sie zu unserem Vorteil nutzen können.

 

 

 

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Prof. Dr. Ruth Ley

"Es gibt noch so viel zu entdecken

Sie haben dieses Forschungsgebiet vor 15 Jahren mit ins Leben gerufen. Was weckte damals Ihr Interesse?

Meine ersten wissenschaftlichen Projekte hatten die Umwelt zum Gegenstand. Bei einem Projekt für die NASA erforschte ich Mikroben in der mexikanischen Wüste. Damals ging man noch davon aus, dass das Leben von Mikroben eher simpel ist – sowohl auf der Erde und vielleicht auch auf anderen Planeten. Doch das ist es nicht. Ganz im Gegenteil, unser Projektteam hat unzählige unbekannte Arten von Mikroben entdeckt – ein komplettes Ökosystem wurde regelrecht übersehen. Und wir konnten es nachweisen! Nach dieser Erfahrung war ich Feuer und Flamme.

 

 

 

Wie haben Sie dann von Boden und Gestein in die Medizin gewechselt?

Es war auf jeden Fall ein Risiko. Ich wusste fast gar nichts über Medizin, den menschlichen Organismus oder das Immunsystem. Dann las ich über die Forschungsarbeiten des Gastroenterologen Jeffrey Gordon, einen Wegbereiter für die Forschung am Darm-Mikrobiom von Mäusen. Das war so spannend! Ich bekam die Chance mit ihm in seinem Labor zu forschen und kurz darauf waren wir die ersten Wissenschaftler, die bewiesen hatten, dass das Mikrobiom Grund für die Fettleibigkeit bei Mäusen ist. 2006 veröffentlichten wir den ersten wissenschaftlichen Artikel zu diesem Thema und das Mikrobiom war auf einmal in aller Munde. Danach folgte eine Entdeckung auf die andere und das Gebiet wächst immer noch rasant weiter. Es gibt noch so viel zu entdecken!

 

 

 

2020 erhielten Sie den Otto-Bayer-Preis der Bayer AG für Ihre Arbeit. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Ich freue mich sehr, dass mein Forschungsgebiet nun als etablierter Wissenschaftsbereich anerkannt wird. Ich war mir nicht immer sicher, ob es auch von der Medizinwissenschaft akzeptiert würde. Die Auszeichnung rückt die Mikrobiom-Forschung in den öffentlichen Blickpunkt und ich denke, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft wichtige neue Behandlungsmöglichkeiten daraus ableiten können.

 

 

 

Was treibt Sie bei Ihrer wissenschaftlichen Mission an?

Das Zusammenspiel aus Kreativität und Entdeckung – die Kreativität sich etwas vorstellen zu können, das andere Menschen noch nicht gesehen haben. Manchmal schaut man sich Daten an, die gar keinen Sinn ergeben und man fragt sich: Wie kann man daraus einen Sinn ableiten? Dann beginnt die Forschung. Und plötzlich betrachtet man die Ergebnisse und – DA – es ist genauso, wie man es sich vorgestellt hat. Und man hat diese neue Entdeckung als Allererste gesehen. Genau dann macht die Wissenschaft Fortschritte. Und genau dafür leben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in aller Welt.

 

 

Otto Bayer Award Präsentation von Ruth Ley

 

Otto Bayer Award 2020

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Präsentation von Ruth Ley

 

Interview: Gabriele Schmitt-Bylandt

Bildnachweis: Prof. Dr. Ruth Ley

 

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